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Das Orchideen-Kind

  • vor 24 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Hast du Pflanzen in deiner Wohnung?


Diese grünen Lebewesen, die Luft reinigen.

Die uns mit ihrer Schönheit verzaubern.


Ich überlegte, mir welche zu kaufen. Einen Kaktus vielleicht. Oder eine Glücksfeder.


Wie wäre es mit einer Grünlilie?", fragte die Verkäuferin.


Alles Pflanzen, die man kaum verwöhnen muss. Pflegeleicht, genügsam, verzeihend.



Doch mein Blick blieb immer wieder an dieser einen Orchidee hängen. An dieser Pflanze, die aussah, als wäre sie aus einer anderen Welt. Sie zeigte sich in Farben und Formen, die sich keiner Regel fügten.


Ehe ich mich ihr nähern konnte, um sie genauer zu betrachten, schnitt mir die Verkäuferin den Traum einer Orchidee im eigenen Zuhause ab. 


Bei deiner Erfahrung, sagte sie, sei ich mit einer pflegeleichteren Pflanze besser beraten. 


Orchideen sind schwierig zu halten”.


Also habe ich sie stehen lassen. Für ganze 28 Jahre.


Aber die Orchidee ist nicht schwierig. Sie ist bloß empfindlicher als die anderen Pflanzen.


Sie ist sensibel.

So wie ich.

Ich war ein Orchideen-Kind.



Die Theorie der differenziellen Suszeptibilität

Diese Erkenntnis über mich selbst ist keine bloße Metapher. Sie hat ihren wissenschaftlichen Ursprung in der Entwicklungspsychologie:


Orchideen- und Löwenzahn-Kinder.


Jay Belsky sowie die Forscher Thomas Boyce und Bruce Ellis untersuchten in ihrer Forschung die genetische Veranlagung von 249 Kinder und fanden Hinweise darauf, dass sich Kinder hinsichtlich ihrer physiologischen Stressreaktivität unterscheiden und dass diese Unterschiede beeinflussen können, wie stark sie auf belastende oder unterstützende Umwelten reagierten.


Vereinfacht ausgedrückt: Kinder haben eine unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber der Umwelt.


Löwenzahn-Kinder reagieren biologisch eher gleichmütig auf ihre Umwelt. Ihre Stress-Schaltkreise im Gehirn sind wenig reaktiv, sodass sie widrige Erfahrungen relativ unbeschadet überstehen.


Eine Minderheit bzw. jedes fünfte Kind dagegen (Orchideen-Kinder) ist deutlich sensibler und biologisch reaktiver gegenüber seinen Umständen, was es ihm schwerer macht, mit stressigen Situationen umzugehen.


Interessanterweise zeigt sich diese Sensibilität in beide Richtungen. Unter fördernden, liebevollen Bedingungen können Orchideen-Kinder außergewöhnlich aufblühen, aber unter widrigen Bedingungen sind sie eben auch besonders anfällig.


Wie die Pflanze selbst. 



Das Orchideen-Kind am falschen Fensterbalken

Mein älterer Bruder und ich sind im selben Haus aufgewachsen, bei denselben Eltern, und haben doch zwei völlig unterschiedliche Sprachen gelernt, um mit den ungünstigen Erziehungsmethoden unserer Eltern zurechtzukommen. 


Als unser Vater schrie, ging mein Bruder einfach darüber hinweg.

Er rebellierte, wurde laut in der Schule, ließ die Spannung nach außen ab.


Ich war der Sensiblere von uns beiden.


Dasselbe Schreien traf mich wie eine Bedrohung, und ich richtete die Kritik nach innen.


Gegen mich selbst.


Aufgrund meiner hochsensiblen Veranlagung fehlte mir die innere Schutzmauer, die meine Sinne hätte abschirmen können. Ich war den negativen Schwingungen im alltäglichen Familienleben ausgesetzt und lernte so auf Eierschalen zu gehen.


Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, speicherten sich in meinem Nervensystem ab, und über mehrere Jahrzehnte befand sich dieses System in einem angespannten Zustand. In schwierigen Situationen – etwa wenn ich als Erwachsener von einer Autoritätsperson kritisiert wurde – führte das zu klassischen Reaktionsmustern von Kampf, Flucht oder Erstarrung.


Während meiner Heilung kamen viele unterdrückte Emotionen hoch und machten sich vor allem körperlich bemerkbar.



Trauma ist keine Frage der Schwere, sondern der Wahrnehmung 

Diese Erfahrung hat mich zu einer wichtigen Unterscheidung geführt, die ich im Kontext von Entwicklungstrauma treffen möchte.


Trauma entsteht einerseits durch das Ereignis selbst und andererseits durch die Wahrnehmung dessen bzw. was es im inneren Er-Leben auslöst.


Dasselbe Ereignis kann von zwei Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden.

Dementsprechend kann ein Kind davon tief beeinträchtigt werden und ein anderes, das dasselbe erlebt hat, vielleicht kaum.


Trauma muss also immer durch die Augen desjenigen betrachtet werden, der sich bedroht gefühlt hat und nicht durch eine objektive Außenperspektive.


Ohne diese Unterscheidung gelten implizit nur „objektiv schlimme" Ereignisse wie etwa physische Gewalt als Trauma. Das schließt genau jene Menschen aus, deren Leiden aus etwas Leisem entstand wie aus emotionaler Vernachlässigung, aus einem chronisch angespannten Zuhause, aus etwas, das schlichtweg gefehlt hat und wofür man nie einen Namen oder einen konkreten Vorfall hatte.


Diese Menschen werden dann strukturell unsichtbar gemacht.


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Wenn du spürst, dass in dir etwas nachhallt, das du selbst noch nicht greifen kannst, lade ich dich ein, den kostenlosen Selbsttest zu machen. Darin findest du einfache Ja/Nein Fragen, die dir das Thema Emotionale Vernachlässigung näher bringen.


Bis zum nächsten Mal,


dein Eren.



 
 
 

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