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Die leisen Spuren von Trauma

  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Junger Mensch mit Rucksack geht durch neblige Ruinen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Unterhaltung und Information. Er ersetzt keine psychologische oder medizinische Beratung. Die Inhalte behandeln sensible Themen rund um Trauma und emotionale Verletzungen und können belastend wirken. Bitte lies achtsam und achte auf deine eigenen Grenzen.



Ich bin nie über längere Zeit bei einem Psychiater oder Therapeuten gesessen.


Es gab erste Gespräche, jedoch führten sie selten in die Tiefe.


Ich wurde nie mit einer Diagnose konfrontiert.


Ich glaube, das ist typisch für Menschen wie mich.


Menschen, die funktionieren. Menschen, die die Verantwortung für andere übernehmen. Menschen, die stark bleiben, obwohl sie die letzten im Raum sind.


Vielleicht liegt es an dem Mangel an Therapieplätzen, weshalb ich keine Diagnose habe. Vielleicht liegt es an der Kompetenz des Therapeuten.

Oder vielleicht hinterlässt Trauma Spuren, die zunächst unsichtbar sind.

Und vielleicht war das Funktionieren der Status Quo für mich. Vielleicht kannte ich nichts anderes.


Ich glaube, selbst wenn ich damals bei jemandem gesessen wäre, hätte es zunächst wenig verändert. Ich hätte aufmerksam zugehört, mit dem Therapeuten diskutiert, das Problem auf intellektueller Ebene verstanden und ihm sogar Fragen gestellt, um das Gespräch in eine Richtung zu lenken, in der ich sicher war.


Ich hätte Verbesserung versprochen.


Ich hätte zugestimmt, um die Harmonie zu wahren und es dabei sogar ernst gemeint.


Nur um mit meinem Leben weitermachen zu können. Denn ich hatte eine Rolle zu erfüllen:


zu funktionieren.


Und ich funktionierte gut.


Groß. Körperlich fit. Freunde aus aller Welt. Viel auf Reisen - unterwegs in Ibiza, New York, Berlin, - Boxen als Ausgleich, ein Wirtschaftsstudium, und als nächstes ein eigenes Unternehmen.


Für den äußeren Beobachter sah das aus wie ein Leben, das gelingt.


Aber genau das ist die Sache mit Trauma.


Nach außen wirkt es wie Bewegung, Leidenschaft, Beschäftigung, Stärke, Unabhängigkeit, Zielstrebigkeit.


Doch innen herrscht Leere, Abgetrenntheit, Zweifel, kein Selbstkontakt, und eine karge Seelenlandschaft, die noch nie erkundet worden war.



Was Trauma eigentlich ist

Im Kern ist Trauma der Verlust von Sicherheit.


Wenn sich ein Mensch unsicher fühlt und weder in der Lage ist, das Geschehen zu stoppen, ihm zu entkommen oder es aufzulösen, reagieren der Körper und das Gehirn in diesen Situationen und formen sich.


Sie formen sich rund um Gefahr.


Sie speichern das Erlebte nicht einfach nur ab, sie lernen daraus und entwickeln Strategien, die vor vermeintlichen Gefahren schützen soll.


Der Arzt und Autor Gabor Maté bringt das in seinem Buch The Myth of Normal auf den Punkt:


„Trauma is not what happens to you but what happens inside you"

Frei übersetzt: Es ist das, was in dir passiert ist, als Reaktion auf das, was dir widerfahren ist.


Es ist die leise Spur, die zurückbleibt, wenn ein Mensch etwas erlebt, das seine mentalen Kapazitäten und das Nervensystem überfordern, ohne dass genug Schutz, Trost oder Sicherheit da war, um es zu verarbeiten.



Das ist Trauma und dann gibt es noch Kohlenmonoxid

Wenn die meisten Menschen das Wort Trauma hören, denken sie an ein einzelnes, dramatisches Ereignis.


Krieg, den Verlust eines geliebten Menschen, körperliche Gewalt.


Das sind Ereignisse, die tiefe Wunden verursachen.


Aber es gibt noch eine andere Form.


Eine die listig und heimtückisch ist.


Wie Kohlenmonoxid. Schwer erkennbar. Toxisch.


Es ist Komplexes Trauma.


Es entsteht durch wiederholte Erfahrungen von Gefahr, in denen wir uns nicht sicher fühlen konnten, ständig wachsam bleiben mussten und uns nie wirklich entspannen durften.


Diese Unterscheidung ist entscheidend.


Weil einzelne Ereignisse verstehen die meisten Menschen leichter. Es gibt ein klares Bild davon, was tatsächlich geschehen ist. Sie lässt sich zurückverfolgen.


Komplexes Trauma dagegen ist schwerer zu erkennen.


Unbewusst, wie das Kind, das weint und alleine ist, aber keinen Trost erhält.

Subtil wie zwei berufstätige Eltern, die oft bis spät abends wegbleiben.

Normal wie ein Kind, das mit einer guten Note nach Hause kommt und dafür seine Lieblingsmahlzeit erhält. Erzählt es aber am Esstisch von etwas, das es traurig gemacht hat, wechselt der Vater das Thema oder lehnt das Kind ab.

Verborgen in Form von Rechthaberei, Drohung, Erpressung, Vernachlässigung, Beschuldigung, zugeschlagenen Türen,...


Wenn sich diese leisen, wiederholenden Erfahrungen über viele Jahre der Kindheit ziehen, nicht ein Ereignis, sondern eine toxische Atmospähre, sprechen Experten von Komplexem Trauma.


Der Begriff beschreibt genau das, was das Wort Kohlenmonoxid auch beschreibt.


Keine einzelne Explosion, sondern eine dauerhafte, unsichtbare Belastung in der Kindheit, die sich später in vielen Bereichen des Erwachsenenlebens gleichzeitig zeigt.



Wie stehen die Chancen?

Die Konsequenzen von Komplexem Trauma zeigen sich in vielen Lebensbereichen.


  • Der eine fühlt sich zutiefst ängstlich, versucht alles um sich herum zu kontrollieren, ohne zu wissen, warum.

  • Die andere landet immer wieder in schmerzhaften Beziehungen.

  • Jemand anderes schaltet emotional ab, reagiert in Konflikten über oder trägt unbewusst Glaubensmuster mit sich wie „zu viel" oder „nicht genug".


Auf den ersten Blick wirken diese Kämpfe oft unabhängig voneinander.


Aber Komplexes Trauma legt nahe, das es vielleicht zusammenhängt.


Vielleicht sind Depressionen, Ängste, eine erhöhte Stressreaktivität, Beziehungsprobleme und ungesunde Bewältigungsstrategien keine voneinander getrennten Themen, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Systems, das sie miteinander verbindet.


Das kann verunsichern.


Aber es kann auch zutiefst erleichternd sein.


Zu wissen, dass deine persönlichen Herausforderungen hausgemacht sind und ihnen eine Ursache zugrundeliegt. Manchmal beginnt Verständnis mit den richtigen Fragen. Der kostenlose Selbsttest kann ein erster Schritt sein.



Die Diagnose, die ich nie erhielt. Aber eine Offenbarung

Ich habe nach wie vor keine Diagnose.


Gut oder schlecht gibt es da nicht.


Was würde wohl drin stehen?


Etwas wie Komplexe Trauma, Familiensystem, Emotionale Vernachlässigung, Nervensystem-Dysregulation, Hypervigilanz, Überwachsamkeit, Wut, Scham.


Du würdest lesen, dass ich gut funktionierte, weil ich nichts anderes kannte.


Vielleicht reiste ich viel herum, weil ich an diesen Tagen weit weg war von meinen Problemen.

Weil ich viele neue Leute kennenlernen durfte, aber ohne viel Tiefe und Nähe zuzulassen.


Vielleicht würde ich in teuren Klubs feiern und Drogen konsumieren, nur um die Leere nicht zu spüren, die sich ausbreitete, wenn ich stillstand. 


Vielleicht warf ich mich in den Ring und in den Kampf, weil ich insgeheim glaubte schwach zu sein und und mir das Leben bereits mehr als einmal den Boden unter den Füßen zog.

Vielleicht war ich so ein ehrgeiziger Student, weil ich Angst hatte zu versagen und die einzige Anerkennung seit Kindheitstagen nur dann erhielt, wenn ich etwas leistete. 


Vielleicht gründete ich ein Unternehmen, weil ich den falschen Versprechen folgte und keine Ahnung davon hatte wer ich war oder was ich mochte und was nicht.


Vielleicht war Geld nicht ein Werkzeug, sondern das Motiv.


„Vielleicht hasst ihr etwas, obwohl es gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr etwas, obwohl es schlecht für euch ist. Allah weiß, ihr aber wisst nicht.“

-Koran 2:216-



Heute, weiß ich, dass ich eine Diagnose verdient hätte. Zwecks Aufklärung. Denn Unterstützung durch andere Menschen, sei es von Therapeuten, Angehörigen oder Freunden ist äußerst wichtig für Menschen bei der Heilung ihrer Wunden.


Dennoch. Ich bekam meine Gelegenheit.


Eine Gelegenheit zu sehen, was mir so lange verborgen blieb.


Aufzuwachen, aus einem Schlaf, der mir das Leben vorgaukelte. 


Ich erhielt einen Spiegel.


In Form einer Person.


Eine Begegnung, die mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte.


Eine Reise, die gar nicht meine Zustimmung erforderte.


Hätte ich es angenommen?


Das fragile Ego, das festhielt wohl kaum.


Also blieb keine Zeit zu entscheiden.


Ein letzter Augenblick.


Bevor ich die Seelenlandschaft betrat, die von jenen tiefen Schluchten und kalten Gewässern durchzogen war, die meine Vergangenheit hinterließen.


Ein chaotische und zerstörerische Reise.


Und zugleich war es genau dieser dunkle Ort, wo er entfachte. 


Der göttliche Funke. Der das Feuer entfachte, die meine Seele wärmte. 


Dort wo ich das Feuer zu halten lernte mit Liebe, Akzeptanz, Vergebung, Fürsorge und dem Gebet.


Und vielleicht sollte genau dieses Feuer mich durch die Dunkelheit begleiten. 


Brennend und lodernd in meinem Herzen, würde es eine Kraft entwickeln, die jede alte und falsche Version meiner Selbst in Schutt und Asche legt. 


Vielleicht bin ich das Feuer.


Vielleicht bin ich der Phönix aus der Asche.


Vielleicht sollte ich keine Diagnose erhalten, sondern eine Offenbarung.


Damit ich darüber berichten kann.

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