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Wie dein Nervensystem die Begegnung mit einem Drachen überlebt und du zur Ruhe kommst


Ein heißer Mittwochabend im Sommer.


Bereits der dritte Tag in Folge einer stressbeladenen Woche.


Die Schatten rund um meine Augen zeugten von Müdigkeit und signalisierten den Gästen, dass sich die Schließzeiten näherten.


Meine letzte Aufgabe: Die liegengebliebenen Produkte im Kassenbereich einsammeln und zurückräumen. Dieser Bereich – umgeben von hohen Regalen – sollte zum Schauplatz meiner Geschichte werden.


Wie Bilbo Beutlin auf seinem Pfad zum Einsamen Berg Erebor, machte ich mich auf den Weg.


Abseits von dem recht geräumigen Platz, wo sich Hunderte von Gästen an den Kassen entlang reihten, benutzte ich jenen versteckten Zwischenspalt, wo ich schon zuvor andere Mitarbeiter sich hindurchschlängeln sah.


Also zog ich den Bauch rein und die Brust raus.


Ich war gerade mal 2 Monate im Betrieb.


Wenig wusste ich, was mir bevorstand. Ich begab mich in die Höhle des Drachen.


Denn kaum war ich durch den Spalt, begegnete mir die Kassenmitarbeiterin mit einem wedelnden Zeigefinger, einem genervten Blick und einem ablehnenden Unterton, die mir sagten: „Du bist hier fehl am Platz!"


Das war es.


Mehr war nicht nötig, um den Alarmknopf meines Nervensystems zu betätigen.


Eine große Portion Müdigkeit, eine Prise Frust und eine Arbeitskollegin, deren Ruf als böser Drache des Kassenbereichs schon lange vor meiner Zeit durch diese Hallen hallte.



Du bist NICHT deine unbewusste Reaktion


Seneca predigte schon zu Lebzeiten:


Den ersten Zornesstoß erleidet auch der Weise; doch er gibt ihm nicht nach.

Im Anblick des Drachen war die Lehre dieses einst weisen Mannes nicht abrufbar.


Stattdessen begann mein Herz wild zu klopfen. Hitze überkam mich. Meine Hände schwitzten und eine innere Unruhe breitete sich aus. Mein Körper fragte nicht, sondern schrie: „Kampf, Flucht oder Starre!"


Ich wurde direkt vor das Maul des Drachen katapultiert.


Die Entscheidung zu kämpfen und damit den Drachen zu konfrontieren, kam nicht vom präfrontalen Kortex, der das rationale Denken und Verstehen steuert. Zwei Mandeln in meinem Gehirn – oder sollte ich lieber sagen, zwei mandelförmige Teile meines Gehirns – sorgten dafür.


Neurobiologen nennen sie die Amygdala.


Stell sie dir wie einen mandelförmigen Rauchmelder vor.


Die Amygdala erfüllt die wichtige Funktion, ohne unser bewusstes Zutun Gefahren zu erkennen, um den Körper mit Stresshormonen zu versorgen und somit auf den Kampf oder die Flucht vorzubereiten.


Für unsere Vorfahren, die Säbelzahntigern begegneten oder vor Naturkatastrophen fliehen mussten, war dieser Alarm überlebenswichtig. Und auch heute noch rettet uns diese blitzschnelle Reaktion in echten Gefahrensituationen das Leben.


Die Frage ist, ob dein Rauchmelder eine Gefahr erkennt, die real ist (z.B. Feuer im Haus) oder nur vermutet (ein Mensch in Drachengestalt🐉).


Schmerzhaft und peinlich wird es, wenn dein Rauchmelder eine Gefahr erkennt, die in Wirklichkeit keine ist, wie wenn

  • du in einem wichtigen Meeting sitzt und der Verstand auf Autopilot umstellt, die Hände schwitzen, der Körper angespannt ist und du keine klaren Gedanken fassen kannst.


  • dein Vorgesetzter dich vor all deinen Arbeitskollegen kritisiert und du in deiner Wut ihn anschreist und deinen Job kündigst.


  • du einen Anruf erhältst, dass dein Konto infiltriert wurde, und du im Stress deine Kontodaten weitergibst, ohne die Glaubwürdigkeit des Anrufers zu hinterfragen.


  • deine Arbeitskollegin dich auf schnippische Art und Weise ablehnt.


Der Psychologe Daniel Goleman spricht in seinem Buch „Emotionale Intelligenz" von einem Amygdala-Hijack, was so viel wie Amygdala-Überfall bedeutet.


Wird durch einen äußeren Reiz Angst, Wut, Ohnmacht etc. ausgelöst, belagern diese Emotionen den präfrontalen Kortex.


Der rationale Verstand wird überfordert und verabschiedet sich, während die Amygdala an Fahrt gewinnt.


Der Körper schaltet sofort in den Kampf- oder Fluchtmodus.


Dies führt zu einer überwältigenden Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, selbst wenn diese Bedrohung objektiv betrachtet gering ist.


In Fällen, wo die Reaktion nicht angemessen war, sind Betroffene tagelang noch aufgewühlt und geplagt von Gedankenspiralen und selbstkritischen Botschaften, die noch mehr am Selbstwert nagen.


Im Nachhinein erkennt man „Moment, das war gar nicht so gefährlich" und weiß, dass die Reaktion über- oder untertrieben war.



Deine Genetik und Kindheitserfahrungen verändern die Sensibilität deiner Amygdala


Die Ursachen, weshalb du einen empfindlichen Rauchmelder hast, können vielfältig sein.


Emotionale Dysregulation ist zum Beispiel auch auf dem ADHS-Spektrum vorzufinden.


Dem liegt ein biologischer Grund vor, wie ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt.


Neben biologischen Ursachen gibt es auch psychologische Faktoren, die zu einer leicht reizbaren Amygdala führen können. Frühere Kindheitserfahrungen, die von Unsicherheit und Vernachlässigung geprägt sind, können die Amygdala übertrainieren, schneller Gefahr zu wittern.


Erlernte Angstmuster und ständige Selbstkritik tragen ebenso ihren Teil dazu bei.


So wie in meinem Fall, als die ablehnende Haltung der Arbeitskollegin auf meine Kindheitswunden der Ablehnung traf und mein Nervensystem sofort in Alarmbereitschaft versetzte.


Zudem spielen auch die Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle. Stress, Übermüdung oder Schlafmangel schwächen unsere Fähigkeit, rational zu denken und somit auch die Bremse für die Amygdala.


So stand ich dicht vor ihr mit kaputter Bremse und aufgeladenem Turbo.


Mein Körper war angespannt. Ich nahm weiterhin mein starkes Herzklopfen wahr. Ich war ersichtlich aufgebracht und bäumte mich vor ihr auf.


Ich fragte sie in einem scharfen Ton, was sie mir andeuten wolle.


Du darfst nicht durch den Spalt in diesen Bereich herein", sagte sie.


Ich sah schon zuvor andere hier durch den Zwischenspalt gehen. Darunter auch jene Leute von hier. Warum dürfen sie das und ich nicht?"


Das sind meine Kollegen."


Und was bin ich?"


Stille. Sie wusste, ich meinte es ernst.


Mit meiner Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Nicht die Drachenfürstin.


Ich sagte: „Es kann nicht sein, dass die einen das dürfen und die anderen nicht" und verwies sie darauf, die Vorgesetzten darüber in Kenntnis zu setzen, wenn sie irgendwelche selbstkreierten Regeln durchsetzen wolle. Und falls diese Regel von den Chefs akzeptiert wird, würde ich sie ebenso umsetzen.


Eine Botschaft von den oberen Etagen kam aber nie an. Weder an mich noch an die anderen.


Ich kann mich gut erinnern. Mein Körper war völlig verkrampft, der Alarmzustand überwältigend. Rückblickend hätte ich ruhiger reagieren können.


Gleichzeitig bin ich froh, dass ich meine Grenzen klar gemacht und einen respektvollen Umgang gefordert habe.



Du KANNST deine Reaktionen steuern – auch im größten Chaos


Stehst du unter Stress? Ist dein Rauchmelder aufgrund frühkindlicher Prägungen sensibler?


In einer schnelllebigen Welt ist Selbstreflexion der Schlüssel zur Lösung. Die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu erkennen, zu akzeptieren und zu lenken, ist entscheidend, um unerwarteten Überfällen vorzubeugen und im täglichen Leben im Fluss zu bleiben.


In akuten Situationen, wenn der rationale Verstand bereits überfordert ist und Adieu sagt, ist es herausfordernd, die Präsenz beizubehalten.


Konzentriere dich in diesen Momenten nur darauf, langsamer auszuatmen als einzuatmen.


Das reicht oft, um die Amygdala in wenigen Atemzügen zu beruhigen.


Probiere gerne auch die Box-Breathing-Methode aus. Sie gibt deinem Gehirn rhythmische Signale von Sicherheit und stabilisiert deine Herzfrequenz sowie das Sauerstoff-CO2-Verhältnis.


Hierfür:

  1. Atme 4 Sekunden ein

  2. Halte den Atem für 4 Sekunden

  3. Atme 4 Sekunden aus

  4. Halte erneut 4 Sekunden


Bei großer Angst ist es auch möglich, weicher zu beginnen (3-3-4-3), um kein Gefühl der Luftnot auszulösen.


In meiner Praxis helfe ich dir gerne mit Achtsamkeitsübungen innezuhalten und Impulse wahrzunehmen. Durch Übungen wie den Body-Scan und Meditation helfe ich dir, die Momente einer Überstimulation bewusster wahrzunehmen und einen Abstand zwischen Reiz und Reaktion zu schaffen.


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Bis zum nächsten Mal,


Eren.





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